Experteninterview: Andreas Lotte über den Verein für berufliche Integration e.V.

Experteninterview: Andreas Lotte über den Verein für berufliche Integration e.V.

von Michaela Mrotzek (Kommentare: 1)

Der Verein für berufliche Integration e.V. ist seit Jahren ein vorantreibendes Unternehmen, wenn es um die Inklusion von Menschen mit Behinderung im Arbeitsmarkt geht. Der Verein führt derzeit zwei Unternehmen in dem Menschen mit einer psychischen Erkrankung wieder in den Arbeitsalltag integriert werden. Das Unternehmen Zweckbetrieb Hortus ist auch auf Gartenbau.org vertreten, das zweite Unternehmen ist RAMADAMA. Wir konnten Geschäftsführer Andreas Lotte für ein Experteninterview gewinnen und freuen uns sehr, dass wir so ein wichtiges Thema gemeinsam mit Ihm besprechen durften und vieles über das Arbeiten mit Menschen mit psychischen Erkrankungen lernen konnten.

Vielen Dank Herr Lotte, dass Sie sich heute Zeit genommen haben. Bitte stellen Sie sich kurz für unsere Leser vor.

Mein Name ist Andreas Lotte. Ich habe mich schon viele Jahre als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Verein für berufliche Integration engagiert. Und bin dann wie die Jungfrau zum Kind zur Hauptamtlichkeit gekommen. Wir haben immer einen Hauptamtlichen/eine Hauptamtliche aus dem Vorstand und meine Kollegin ist damals in den Ruhestand gegangen. Nach einer längeren Zeit der Suche nach einer geeigneten Persönlichkeit für die offene Stelle, was uns leider nicht so gut gelungen ist, sind wir auf die Idee gekommen, dass ich das auch machen kann. Ich habe daraufhin quasi meine ganze Berufswelt gewechselt. Ich fand die Möglichkeit so spannend und wollte auch ganz für den Verein einsteigen.
Und so bin ich nun seit 2018 hauptamtlich für den Verein tätig.

Was sind die Besonderheiten des Vereins?

Wir sind ein kleiner Verein, der damals aus der Psychiatrie-Bewegung entstanden ist. Das heißt, unsere Mitglieder sind Sozialpädagogen/Sozialpädagoginnen oder Ärzte/Ärztinnen, die damals in den 80er-Jahren festgestellt haben, da gibt es Bedarf. Aus Eigeninitiative wurde dann der Verein gegründet. Seit den Anfängen ist einiges passiert und wir sind sehr stolz auf diese Entwicklung. 

 

Der Verein leistet einen wichtigen Beitrag, um Menschen mit einer psychischen Erkrankung in die Arbeit und zur Teilhabe in der Gesellschaft zu bekommen.

 

Was waren die Gründe, warum Sie ehrenamtlich im Verein tätig geworden sind?

Ich bin damals von Vereinsmitgliedern angesprochen worden, ob ich mir vorstellen könnte, im Verein mitzuarbeiten. Zu dem Zeitpunkt kannte ich den Verein noch nicht und hab mich dann erstmal aufklären lassen, was der Verein so macht. Ich war von der Arbeit des Vereins fasziniert. Erstmal erscheinen psychische Erkrankungen eher so als Randthema, aber in Wahrheit sind sie ein wichtiges Thema in unserer Gesellschaft. Ich glaube, jeder kennt in seinem Umfeld Menschen, die psychische Probleme haben. Mir persönlich war es damals nicht bewusst, dass es eine echte Erkrankung ist, die sogar zu einer formalen Behinderung führen kann. Die Einschränkungen und Auswirkungen aufs tägliche Leben wurden mir auch erst durch meine ehrenamtliche Tätigkeit im Verein bewusst.

Es ist ja auch noch heute so, dass psychisch Erkrankte stigmatisiert werden. Dabei kann es jedem von uns passieren, dass man psychisch erkrankt mit ganz unterschiedlichen Symptomen. Das kann dann auch das private und berufliche Umfeld beziehungsweise das ganze Leben zerstören. Die Schwierigkeit liegt dann darin, wieder zurück zukommen ins Leben. Diese Problematik fand ich ganz interessant, man denkt ja bei persönlichen Beziehungen vielleicht erstmal gar nicht daran, dass sich durch eine psychische Erkrankung das persönliche Umfeld von einem distanzieren könnte.

Eine weitere Erkenntnis durch die Erfahrungen im Verein ist, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung genau merken, wo ihre Probleme liegen, aber oft das Verständnis in der Gesellschaft fehlt. Und diese Menschen suchen dann nach Lösungen und Strategien, um zurück ins Leben zu kommen. Hier ist es die Aufgabe der Gesellschaft zu schauen, dass diese Menschen nicht die falsche Strategie entwickeln wie z.B. eine komplette Abschottung.

Die Stigmatisierung ist bei psychischen Erkrankungen noch ein sehr großes Thema, da man es zum einen nicht sieht und weil die Leute es zum anderen nicht einordnen können. Man möchte es irgendwie erklären, kann es aber nicht. Im Laufe der Jahre hat sich allerdings ein gewisses Verständnis entwickelt und das finde ich wichtig. Das Thema berührt uns alle, es kann Männer und Frauen aus allen Altersgruppen aus jeder Lebenslage und aus allen Berufen betreffen. Es gibt niemanden, den es nicht treffen kann. Das finde ich einen ganz wichtigen Punkt, warum es sich lohnt, genau in diesem Bereich aktiv zu sein.

Wir leben Inklusion – völlig normal © Verein für berufliche Integration e.V.

 

Was gehört zu Ihren täglichen Aufgaben?

Als Geschäftsführer des Vereins läuft irgendwie alles bei mir zusammen. Mir ist es eben auch wichtig, dass ich möglichst nah dran bin. Das kommt aber nicht nur von mir, sondern das haben meine Vorgänger schon genauso gemacht. Das wir jeden, der im Verein anfängt zu arbeiten, sowohl psychisch Erkrankte, aber auch alle anderen Mitarbeiter persönlich kennenlernen. Ich bin deshalb auch bei jedem Bewerbungsgespräch dabei und versuche möglichst viel vor Ort zu sein. Wir haben natürlich eine Geschäftsstelle und ich bin nicht immer im operativen Geschäft dabei, aber ich versuche regelmäßig bei unseren beiden Betrieben vorbei zu schauen. Durch den ständigen Dialog zu den Mitarbeitern kann man schnell die Stimmungen auffangen und Entwicklungen erkennen, die eventuell zu Problemlagen führen.

Wenn man so einen Verein führen will, ist der Kontakt zu den Einzelnen wahnsinnig wichtig, um dann auch tatsächlich jederzeit reagieren zu können. Letztendlich umfasst mein Job von der Buchhaltung oder Verwaltungskram bis hin zur Mitarbeiterführung Aufgaben wie in jedem anderen Unternehmen auch.

Aber es geht eben darüber hinaus, hier gibt es eine stärkere Verquickung zwischen privaten und beruflichen Problemen. Das heißt, die Mitarbeiter neigen eher dazu zu sagen: "Ich habe aktuell da ein Problem", "Ich habe Schwierigkeiten aufgrund meiner psychischen Erkrankung eine Wohnung zu finden" oder "Ich krieg ein Formular von der Arbeit, kannst du mir da irgendwie helfen".

Es geht über das rein Dienstliche hinaus, und es gibt weitere Felder wo die Menschen Unterstützung brauchen.

Warum ist es für Menschen mit einer psychischen Behinderung schwierig, einen Job zu finden?

Das kommt immer sehr auf das individuelle Krankheitsbild an, aber Fakt ist, dass psychisch Kranke im Akutstadium der Erkrankung einfach nicht so belastbar sind, wie wenn sie gesund wären. Das ist in normalen Unternehmen natürlich schwierig.

Meistens ist der Hintergrund, dass sie ihren Job verloren haben und das gleichzeitig auch das soziale Umfeld bröckelt. Sich dann wieder zurück ins Berufsleben zu kämpfen, ist schwer. Die Erkrankten verlieren ihr Selbstvertrauen und zweifeln dazu noch an den eigenen Fähigkeiten. Es ist wahnsinnig schwierig für diese Menschen, sich überhaupt wieder so zu motivieren, dass sie sich bewerben und sich auch entsprechend präsentieren. Dadurch fallen sie häufig durchs Raster und haben gar nicht die Möglichkeit, ihre wahren Fähigkeiten zu zeigen.

Könnten Sie uns ein paar konkrete Beispiele nennen, mit welchen Erkrankungen und auch welchen Symptomen die Mitarbeiter im Alltag zu kämpfen haben?

In unseren Zweckbetrieben arbeiten gesunde Mitarbeiter*innen mit psychisch kranken Mitarbeiter*innen gleichberechtigt zusammen. Dabei leiden die psychisch kranken Mitarbeiter*innen unter anderem unter dem Krankheitsbild: Depression, manisch-depressiv, bipolare Persönlichkeit, Autismus. Diese Mitarbeiter*innen müssen meist starke Medikamente einnehmen, damit sie ihr gesundheitliches Gleichgewicht behalten können. Vergessen die Mitarbeiter*innen die Medikamente, muss der Vorarbeiter*in dies rasch bemerken und die jeweiligen Mitarbeiter*innen darauf hinweisen, dass eine fehlende Einnahme zu massiven Problemen führen kann. Nehmen die Mitarbeiter*innen die Medikamente, so machen diese sehr müde oder stören die Aufnahmefähigkeit: Somit ist eine voller körperlicher aber auch geistiger Einsatz wie bei gesunden Mitarbeitern nicht möglich.

Viele Mitarbeiter*innen sind mehrere Monate oder gar Jahre aus dem Leben der Erwerbstätigkeit aufgrund ihrer Krankheit fern geblieben. Eine sanfte Eingliederung an den „normalen“ Arbeitsalltag ist in einem „normalen“ Betrieb aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht möglich. Die psychisch kranken Mitarbeiter*innen würden deshalb diesem Druck nicht standhalten können.

Durch unsere Inklusion erfahren die psychisch kranken Mitarbeiter*innen unter Berücksichtigung ihres jeweiligen Leistungsstandes wieder eine Alltagsstruktur, können auf ihre geleistete Arbeit stolz sein, können wieder selbstbewusst werden und erfahren Anerkennung und Respekt.

Wir leben Inklusion – völlig normal © Verein für berufliche Integration e.V.

 

Gibt es Herausforderungen bei der Beschäftigung von Menschen mit Einschränkungen?


Natürlich gibt es da Herausforderungen. Es ist so, dass wir ein gemeinnütziger Verein sind, aber von den Statuten her ist es so, dass wir mit unseren Unternehmen mit jedem anderen Unternehmen konkurrieren müssen. Sei es der Preis, der Markt oder unsere Zuverlässigkeit. Wir müssen wettbewerbsfähige Preise haben. Gleichzeitig aber einkalkulieren, dass es durch die psychischen Erkrankungen auch zu Ausfällen bei unseren Mitarbeitern kommen kann. Wir müssen das unter einen Hut bekommen. Darin liegt die Herausforderung, das wirtschaftliche Denken nicht zu vergessen, aber gleichzeitig das Soziale nicht zu kurz kommen zu lassen. Das ist eine spannende Herausforderung, die nicht einfach ist und wo es auch immer wieder Spannungen gibt.

Wir sind aber auch stolz darauf, dass dies seit vielen Jahren gelingt, dass wir genauso konkurrenzfähig sind wie viele andere Unternehmen.

 

Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um ein gemeinsames Arbeiten zu ermöglichen?

Wir haben uns so aufgestellt, dass wir in Kleingruppen arbeiten. Wir haben verschiedene Betriebe, aber das Modell ist ähnlich. Wir bilden Gruppen von 3-5 Leuten. Diese Gruppen sind dann auch gemischt. Die Hälfte sind gesunde Mitarbeiter und die andere Hälfte sind erkrankte Mitarbeiter. Und dann wird im Team gearbeitet. Die Teams wechseln auch, damit sich nicht irgendeine Struktur verfestigt. Wir sind so aufgestellt, dass jedes Team ein anderes Team vertreten oder ersetzen kann. Heißt, wir sind sehr flexibel. Das erfordert natürlich viel Engagement von den Mitarbeitern, sowohl von den Gesunden als auch von den Erkrankten.

Die gesunden Mitarbeiter müssen z.B. die fachliche Kompetenz mitbringen, aber auch die soziale Kompetenz. Durch unser Konzept ist auch ein spannendes Phänomen zu beobachten. Es kommt zu Motivationsschüben auch bei den psychisch Erkrankten. Wir haben eine enge Teambindung und eine starke Identifikation mit dem Unternehmen. In dieser Verteilung und mit dem Engagement des Einzelnen funktioniert es tatsächlich, dass man hochwertige Leistungen gewährleisten kann und dass wir konkurrenzfähig sind.

 

Welche Vorteile hat es, mit Menschen mit einer psychischen Behinderung zusammenzuarbeiten? Gibt es Aufgaben oder Arbeitsbereiche, die Ihnen besonders liegen?

Das kommt immer sehr auf das individuelle Krankheitsbild an, da es sehr stark mit der psychischen Erkrankung zusammenhängt.

Aber ein Beispiel: Autisten haben im Allgemeinen soziale Defizite im Umgang mit Menschen, oft auch Berührungsängste. Das ist erstmal eine Schwäche. Andererseits, wenn sie sich im Team eingefunden und Sicherheit haben, dann arbeiten sie sehr zuverlässig die Aufgabenstellung ab. Das hat zur Folge, dass wir bei unseren Autisten die Erfahrung gemacht haben, dass sie sehr gründlich, zuverlässig, fast schon eigenverantwortlich ihre Arbeit abarbeiten.
Deshalb lässt sich sagen, dass man als psychisch Kranker Defizite hat, aber in vielen Bereichen auch wirkliche Stärken.

Ein anderes Beispiel ist, das die Erkrankten oft hellhöriger sind, was emotionale Veränderungen betrifft. Sie merken recht früh, wenn etwas nicht passt. Das gilt in der Kundenbeziehung, aber auch in der Mitarbeiterschaft.
Das finde ich auch ein wirkliches Phänomen, wir haben bei unseren Kunden keine Forderungsausfälle und wir haben auch eigentlich nahezu keine Beschwerden, aber sehr viel Lob. Das heißt, die Basis mit dem Kunden stimmt auch und wir kriegen positives Feedback von den Kunden über die Arbeit der Mitarbeiter.

Wie sieht der Bewerbungsprozess bei Ihnen aus?

Also da gibt es ganz unterschiedliche Zugangswege. Wir sind da eigentlich ganz flexibel. Eine Variante ist, dass z.B. ein Betreuer Kontakt zu uns aufnimmt. Nach dem Motto: "Ich hab da einen Klienten, könnt ihr euch vorstellen, dass ihr den beschäftigt?"

Es gibt aber auch viele, die eigeninitiativ werden und einfach anrufen. Wir haben die Hürden generell sehr niedrig gelegt. Das gilt für alle zukünftigen Mitarbeiter. Wir sagen, ein Anruf genügt. Man spricht dann telefonisch, was so die Erwartungshaltung ist und dann sagen wir ausnahmslos, wir machen einen Termin für ein persönliches Kennenlernen. Das führt dann bei Interesse zu einem Praktikum oder einem Probearbeitstag. Dabei kann der Bewerber das Unternehmen kennenlernen und entscheiden, ob es für ihn was ist oder nicht.

Es kommt auch immer ein bisschen darauf an, gerade bei den psychisch Erkrankten ist es ja so, dass nicht alle immer zwangsläufig eine Ausbildung im Gartenbau haben. Bei den Gesunden achten wir eher darauf, weil wir die fachliche Kompetenz suchen.

Unser Ansatz ist ja nicht, möglichst viele psychisch Kranke durchzuschleusen, damit sie dann irgendwo anders hingehen, sondern dass auch viele bei uns bleiben und doch bis zum Karriere-Ende für uns arbeiten. Wenn sie irgendwo anders Fuß fassen - gerne, das unterstützen wir auch. Aber bei vielen ist es so, dass sie das sichere Umfeld, das sie bei uns haben, auch nicht so gerne verlassen wollen. Sie kennen ihre Mitarbeiter und Vorgesetzten und die haben eher Verständnis, wenn die Erkrankung mal durchbricht.

So gibt es für uns nur eine Antwort aus unserer Sicht, wir müssen immer wachsen, damit wir alle weiter beschäftigen können und auch neue Mitarbeiter beschäftigten. Das gelingt uns auch, da wir gerade in der Gründung eines neuen Unternehmens sind.

Wie kann man Sie und Ihren Verein unterstützen?

Über Spenden freuen wir uns natürlich immer, aber uns kann man die größte Freude machen, wenn man uns beauftragt. Beziehungsweise mal ausprobiert und ein Angebot anfordert, weil wir wirklich gerne auch den Beweis antreten, dass dieses Modell erfolgreich funktionieren kann.

Ich finde der Grundgedanke von Inklusionsunternehmen, so wie wir es jetzt mit dem Verein sind, ist ein sehr förderungswürdiges Konstrukt. Wir haben ja wirklich viele Mitarbeiter, die wir schon über Jahrzehnte begleiten, wo man auch feststellen kann, mit was für einem Krankheitsbild sie gekommen sind und wie sich das auch stabilisiert hat. Daran sieht man, dass es eine wirklich gute Investition ist, Inklusionsbetriebe zu unterstützen.

Als Kunde kann man einen Auftrag abgewickelt bekommen und dabei auch noch Gutes tun. Hier kann man ganz einfach helfen, indem man sich auf so was einlässt. Ich bin mir sicher, dass viele Leute, die das machen, gute Erfahrungen machen werden. Wir sehen das an Kunden, die uns ausprobieren, dass die gerne wiederkommen und uns auch für andere Projekte beauftragen.

Herr Lotte, wir danken Ihnen herzlich für das offene Gespräch und wünschen alles Gute für die Zukunft.

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Kommentar von Berger |

Ein gelungener Beitrag zum Thema Inklusion, ich denke hier können wir alle nur dazulernen.